Negative Leitzinsen – Hirngespinst oder bald Realtität?

May 18, 2009 by
Filed under: Notenbanken 

Die amerikanische, englische und japanische Notenbank haben ihre Leitzinsen schon auf quasi Null Prozent reduziert. Und hier liegt bisher eine als fundamentale Untergrenze der Leitzinsen angesehene Linie. Negative Leitzinsen würde dem gesunden Menschenverstand diametral widersprechen. Doch immer mehr Ökonomen diskutieren nun allen ernstes ob es auch nicht doch Sinn macht, für die Notenbanken negative Leitzinsen zu erlassen.

Hintergrund ist, wie das Handelsblatt berichtet, dass Berechnungen auf einer der bekanntesten Formeln zur Bestimmung der optimalen Leitzinsen ein überraschenden Ergebnis liefert. Die “Taylor”-Regel ein seit den 90iger Jahren als äußerst verlässlich angesehen, liefert nun aus den aktuellen Wirtschaftsdaten ein Ergebnis von -5% als den optimalen Leitzins. Prominente Ökonomen halten das durchaus für gangbar negative Leitzinsen einzuführen, wie zum Beispiel Willem Buiter, Professor an der London School of Economics. Er beschreibt in seinem Blog ausführlich wie diese praktikabel umzusetzen sind.

Doch wenn schon die Nullzinspolitik nach Platzen der New Economy Blase sich ausgewirkt hat, wie verheerend müsste sich da erst eine Negativzinspolitik auswirken? Theoretisch ist erstmal alles möglich, doch würde es jedwede Vernunft aus dem wirtschaftlichen Handeln tilgen. Wenn bei -5% Zinsen schon jemand einen “Gewinn” erwirtschaftet der nur 2% Verluste einfährt spielt gesunder Menschenverstand nur eine untergeordnete Rolle. Geld hat dann völlig seinen Wert verlohren und derjenige der vorsorgend für die Zukunft spart hart bestraft. Es würde quasi jeder Bürger dazu gedrängt Schulden aufzunehmen und zu spekulieren. Banken würden nun völlig zu reinen Casinos mutieren, da sie für ihr Spielgeld nicht nur geschenkt, sondern dafür auch noch einen Bonus bekommen. Somit dürften für die unsinnigsten Geschäfte Geld aufgenommen werden und jede Menge Spekulationsblasen entstehen.

Es würde sich zwar jeder wünschen für einen Kredit nicht mehr zahlen zu müssen und sogar dafür auch noch Geld zu bekommen, aber mal ehrlich man würde es irgendwann bitter bereuen. Spätestens dann bis die Zinsen wieder angehoben werden müssten und einen plötzlich die Kreditkosten für die auf Jahre abgeschlossenen Verträge um die Ohren fliegen. Somit fahren die Notenbanken in der jetzigen Krise mit der quantitativen Lockerung gar nicht so schlecht, um auf diese Weise ohne negative Zinsen die Geldmenge auszuweiten.

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Kommentare

8 Comments on Negative Leitzinsen – Hirngespinst oder bald Realtität?

  1. Joerg Buschbeck on Mon, 18th May 2009 18:33
  2. Es kann bei unter die Nullinie flexiblen Zinsen nicht um billige Kredite und neue
    Blasen gehen – sondern um die geregelte Umwandlung monetären Sparvermögens in realwirtschaftliche Investitionen durch den Sparer!

    Kredite dürfen künftig nur noch an 100% solvente Schuldner vergeben werden – was wenn nicht dies sollte die Konsequenz aus der aktuellen Kreditkrise sein?

    Aber genau deswegen muß es möglich sein, die monetären Sparguthaben auf den Kreditbedarf solventer privatwirtschaftlicher Schuldner zu begrenzen! Ansonsten bekommen wir eine realwirtschaftliche Nachfragelücke die in den
    letzten Jahren mit Suprime-Kredite und nun wieder mit Staatsverschuldung geschlossen werden muß.

    Wir haben einen Film zum Thema gemacht – die oben beschriebene Problematik kommt gleich an Anfang von Teil 2
    http://www.global-change-2009.com/blog/global-change-2009-teil-2-wie-funktioniert-eigentlich-die-wirtschaft/

    Herzliche Grüße
    Jörg Buschbeck
    Vorstand Global Change 2009 e.V.

  3. Joerg on Mon, 18th May 2009 21:15
  4. Das hört sich auf den ersten Blick alles sehr schön an mit der freien Marktwirtschaft im Kapitalverkehr. Doch hat es meiner Meinung nach ein paar sehr schwerwiegende Schwachpunkte.

    - Wird das Hortungsmonopol des Geldes abgeschafft suchen sich die Menschen automatisch eine Ersatzhortungswährung, seih es nun Gold, Beton oder Sand. Der Mensch hat ein Grundbedürfnis danach seine geschaffenenen Werte zu konservieren, für die Zeit in der er sie braucht.

    - Zweitens werden durch die möglichen negativen Zinsen quasi jeder Mensch auf einen schlag solvent. Zum Beispiel bei den hier genannten -5% Zinsen. Von der 100% Kreditsumme werden 95% in die Ersatzhortungswährung wie Gold investiert , mit den restlichen 5% geht man derweil gemütlich einen trinken.
    Ein positiver Zins zwingt die Leute dazu nur in Sachen zu investieren die ihnen auch eine Rendite abwerfen , oder eben ihnen einen gewissen Wert bedeuten die Anschaffung vorzuziehen.

    Das ganze würde nur mit einem massiven Überwachungsstaat funktionieren in dem jede Ersatzhortungswährung verboten würde und entschieden verfolgt wird. Das ist keine Zukunft in der ich gerne leben würde.

  5. Joerg Buschbeck on Mon, 18th May 2009 22:17
  6. die geregelte Flucht in Sachwerte(Gold,Beton,Sand) ist doch gerade Sinn der Übung! Es geht doch nicht darum den Menschen etwas wegzunehmen, sondern nur darum die Renditevorstellungen für Investitionen in Sachwerte zu senken und den schlussendlich währungszerstörenden Schuldenwachstumszwang zu beenden!

    Herzliche Grüße

    Jörg Buschbeck

  7. Joerg on Mon, 18th May 2009 22:39
  8. Es würde aber nicht in einer geregelten Flucht ablaufen, zumal die Sachwerte keinen wirtschaftlichen Sinn ergeben, außer das sie werterhaltend sind. Um beim Gold zu bleiben, es würde gar nicht so viel Gold gefördert werden können um den tatsächlichen Bedarf an Gold als einer Ersatzwährung zu decken. So würde es in regelmässigen Abständen zu Blasen in Sachwerten kommen, und die Industriezweige die auf diese als Rohstoffe angewiesen sind hätten ein schwerwiegendes Problem.

  9. Joerg Buschbeck on Tue, 19th May 2009 08:46
  10. Sparerblasen sind kein Problem – wenn die z.B. die Suprime Häuser in USA von den Sparern erbaute worden währen, müssten wir jetzt keine Banken retten.

    Und beim Gold -steigt halt der Preis – na und? – es gibt immer einen Verkäufer
    der mit dem Geld im Falle negativer Zinsen entweder anderes nachfragt oder Kredite tilgen kann.

    Es geht nur darum, das gesetzliche Zahlungs- und Schuldtilgungsmittel! im Umlauf zu halten. Ansonsten können halt die anderen Kreditnehmer Ihre Schulden nicht mehr tilgen wenn der der monetären Akkumulation geschuldete exponentiale Aufschuldungskettenbrief reist.

    Sehen wir gerade live in diesem Kino!

    Im übrigen sind die negativen Zinsen eher eine wirksame Ankündigungspolitik! Dies da Ihre reine Erwartung und Möglichkeit schon das Kapital in die Realwirtschaft in Bewegungs setzt – was zur Vermeidung zu starker Inflation praktisch eher nicht zu negativen Zinsen führt. Es wird also nur die Liquiditätspräferenz bei Niedrigzinsen gebrochen!

    Und wie gesagt – der entscheidende Unterschied für die Stabilität ist, wenn der solvente Sparer statt einem Suprimeschuldner oder dem maximal fehlallokalisierenden Staat investiert!

    Herzliche Grüße

    Jörg Buschbeck

  11. Joerg on Tue, 19th May 2009 10:32
  12. Sparerblasen führen sehr wohl zum Problem. Denn auf die Sparer folgen immer diejenigen die auf Kredite spekulieren.
    Hier in Deutschland liegen 55% der Sparerguthaben auf Sparbüchern. Würden die genau wissen wie man am besten Geld gewinnbringend anlegt, würden sie es nicht auf den Sparbüchern parken.

    Diese 55% würden zum Großteil durch die negativen Zinsen aufgeschreckt. Zum einen Stellen diese 55% eine der großen tragenden Säulen in den Bankbilanzen dar, die auf einmal wegbrechen würde. Banken müssten reihenweise schliessen um den Bankrun aufzuhalten.

    Im Gold dagegen in dem die meisten dieser aufgeschrecken Sparer wohl fliehen würde, sind bisher allerdings höchstens einstellige Prozentbeträge investiert und schon diese haben den Goldpreis in den letzten Jahren deutlich steigern können. Würde auch nur die Häfte der Sparer dazukommen, hätten wir hier eine Preisexplosion, die die Tulpenblase bei weitem in den Schatten stellen würde. Besonders bei negativen Zinsen zudem würde sich praktisch jeder überdies noch verschulden, um auf den Zug der steigenden Goldpreise aufzuspringen. Die Goldmenge ist nunmal nicht beliebig erweiterbar wie die Geldmenge. Der anschliessende Crash würde so ziemlich alles in den Schatten stellen. Zumal sich wohl viele von ihrer Arbeit verabschieden würden, da es bei negativen Zinsen keine Kosten verursacht Geld auszugeben, man muss das Geld nur irgendwo zwischenlagern können, wenn dann dieses Zwischenlager Gold auch noch rasant im Preis steigt, hat man die ideale Gelddruckmaschine so lange die Spekulationsblase anhält.

  13. Frank on Wed, 20th May 2009 01:21
  14. Mir leuchtet auch nicht ein wie Buiter einen Bankenrun verhindern will. Oder will er das gar nicht? Vor kurzem wolle er noch alle Banken verstaatlichen. Mit verstaatlichten Banken macht ein negativer Leitzins vielleicht mehr Sinn. Vielleicht sollten sie mal mit Zehntel-Schritten anfangen und gucken was passiert. Ich würde mein Geld jedenfalls nicht wegen -0.5% vom Konto abheben und irgendeinen Schrott damit kaufen. Allein schon aus Faulheit :P

  15. Joerg on Wed, 20th May 2009 19:22
  16. @Frank
    Es macht wie im Film von Joerg Buschbeck gezeigt eigentlich nur Sinn, wenn man die Ebene der Banken streicht. So hat man dann nicht mehr Notenbank—>Bank—>Kunde sondern nur noch zwei Ebenen (Noten)bank–>Kunde. Negative Leitzinsen oder auch Null Prozent Leitzinsen verleiten sonst einfach die Banken dazu, sich selbst massiv zu bereichern. Ist für Sie ja quasi eine Gelddruckmaschine.

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